Kulturhauptstadt Europas 2010
Meeting in Münster


Die Akademiker und Gäste wurden bei ihrer Sitzung in Münster von dem Oberbürgermeister im bedeutendsten Festsaal Münsters, dem Friedenssaal, empfangen.

Die Akademie während ihrer Sitzung in Münster: Stadtdirektor Hardwig Schultheiss (zweiter von links), der Präsident Prof. Dr. Z. P. Pininski (dritter von links) während seiner Ansprache.
Neben dem Präsidenten (vierter von links) Dr. Norbert Emerich, der
während dieser Sitzung in die Akademie berufen wurde.Die Empfehlung/Laudatio wurde von Mgr Franz W. Hauberl, Generaldirektor der ARWAG- Wien, vorgetragen

Dr.Norbert Emmerich mit der Berufungsurkunde in der Hand steht neben dem Präsidenten der die feierliche Formel ausspricht. Generaldirektor Hauberl sitzt links vo Präsidenten.

Kuluarendiskussion, von links: der Präsident Prof. Pininski, Redakteur Johannes Loy, Markus Spiegelfeld (Werkstatt Wien)und Andreas Dailmann.

Stadtdirektor Hardwig Schultheiss führt die Akademiker in die städtebauliche und architektonische Problematik der Stadt Münster ein.
Wir veröffentlichen eine Kurzfassung des Grundsatzreferates des Präsidenten als Einführung in die Jahressitzung der Akademie, die am 23./24. November 2003 in Münster Westfalen stattgefunden hat.
Wie wird man Kulturhauptstadt Europas 2010?
Im Leitartikel der “ZEIT” in der letzten Woche ruft Bernd Ulrich nach einer geistigen Agenda 2010. Er beklagt, dass die Intellektuellen von heute, wie Jürgen Habermas und Günther Grass ihre Stimme vernehmen lassen, wenn es um die deutsche Vergangenheit geht. Nur zur Zukunft höre man sie nicht.
Ich wünsche mir, dass wir, die wir heute hier zusammentreffen, um über das Phänomen Kulturhauptstadt im Zeithorizont 2010 nachzudenken, gewissermaßen auf einem anderen Gebiet auch eine Agenda 2010, eine intellektuelle Reform dieses Phänomens in Gang setzen.
Das sollte uns ein großes Anliegen sein.
Wie kann eine deutsche Bewerber-Stadt von Wichtigkeit sein für Europa, für die Welt?
Die Antwort lautet: die Stadt wird ihrem Anspruch gerecht, wenn sie sich neu erfindet.
Das Streben, die Entwicklung und nicht der Besitzstand machen eine Stadt wertvoll im Sinne von Werteschaffung für die Zukunft.
Das meine ich in erster Linie in bezug auf die visuelle Kultur, auf die Baukultur.
Das größte Gewicht in der Wahrnehmung und in der Identifikation mit einer Stadt hat doch die Baukultur. Und das sind unsere Häuser, unsere Straßen und Plätze, unsere Grünanlagen, unsere Kunst im öffentlichen Raum, die Beleuchtung und Ausleuchtung, die Orientierungssysteme und Reklamen.
Aber warum greift der Mensch von heute so gerne auf die Vergangenheit zurück und nicht ausreichend auf die Gegenwart? Dies menschliche Bedürfnis ist verständlich: man will wissen und fühlen, woher man kommt.
Ist es jedoch nicht noch wichtiger zu wissen, wohin man gehen soll? Kann man durch die Beschwörung der Geschichte Zukunft gewinnen? Andere Frage: kann man die zeitgenössischen Gestaltungen, die Baukultur “beziehungsvoll” generieren? So “beziehungsvoll”, wie es der historischen Architektur angedichtet wird, sprich - so wie wir die historische Architektur hic et nunc empfinden.
Die moderne Architektur bewegt uns doch. Egal, wie kritisch man sie sehen mag. Vielen Städten gilt sie längst als Mobilmacher, als das Werbemittel. Sogar Festivals widmet man dem Planen und Bauen - Hamburg etwa lockt mit einem ganzen Architektursommer. Die ästhetisierende Architektur - Biennale von Venedig wurde zum festen Bestandteil der Reflexion über Architektur. Auch Rotterdam will mit einer neu gegründeten Biennale europaweit Publikum gewinnen. Es geht dort um Mobilität, ein beliebtes holländisches Thema. In Deutschland dagegen verschließt man gern die Augen vor baukulturell angeblich irrelevanten Objekten, vor Autopisten und deren Lärmschutzwänden, vor Parkhäusern, vor Tankstellen.
Man soll, man muss den ungewohnten Blick auf das Unästhetische des Alltags wagen. Nicht nur die “prominenten” Bauten prägen das Bild einer Stadt. Für den Eindruck, den man von
einer Stadt gewinnt, sind sowohl eine Musikhalle und ein Museum wie auch ein Parkhaus und eine Tankstelle relevant. Und vieles, vieles andere, alltägliche. Es besteht jedoch ein entscheidender Unterschied zwischen diesen Gebäuden: eine Musikhalle hat die Chance, zu einem Wahrzeichen der Stadt zu werden. Die Gesellschaft kann auf die Gestaltung einer Musikhalle positiv Einfluß nehmen - bei Tankstellen z. B. gelingt das nicht. Wir haben vor einiger Zeit versucht, eine Aufwertung von Tankstellen zu bewirken. Vergeblich. Die großen Konzerne sind von der Schönheit und individuellen Einmaligkeit ihrer Tankstellen felsenfest überzeugt.
Kulturhauptstadt zu werden und zu sein ist eine Aufforderung und eine große Chance, endlich das Jetzt zu verlassen, ins Unbekannte vorzudringen, den Blick freizumachen für das Unverhoffte. Wenn man wieder an Architektur und Kunst glauben wird, an ihre hellseherischen Sichtweisen, an die Macht ihrer Phantasie, dann wird man beachtliche Synergien erzeugen.
Es gilt zu überlegen, in welche Richtung das Phänomen “Kulturhauptstadt Europas” sich entwickeln, sich verändern sollte/müßte. Welche psychischen, welche geistigen Komponenten bis zum Jahr 2010 artikuliert und erforscht werden sollen. Eine interdisziplinäre und internationale Aufgabe, die viel Vorstellungskraft verlangt.
Vor 25 Jahren, als Melina Mercouri die Initiative “Kulturhauptstadt Europas” ins Leben rief, war die Welt noch anders. Jetzt sind wir nicht nur in der post-industriellen Gesellschaft angekommen, sondern werden immer öfter durch den Begriff der Wissens- und Kulturgesellschaft definiert. Auch die Digitale Revolution, die Peter Glotz ausgerufen hat, wird immer stärker mit Leben erfüllt .
Vielleicht sollten wir, wenn wir eine neue Definition des Phänomens “Kulturhauptstadt Europas” finden wollen, uns zunächst über Europa Gedanken machen? Sind wir ein geopolitischer Raum oder ist es wichtiger, dass wir eine Wertegemeinschaft sind?
Das Konzept der “Kulturhauptstadt” müsste einem neuen Denken entstammen. Jeder Bewerber plant Theater- und Filmfestivals, Ausstellungen, Konzerte, Events sowie profunde Vorträge. Die magische Kraft der visuellen Kultur wird jedoch unterschätzt.
Schon bei der Bewerbung, soll der visuellen Kultur, der Baukultur, höchste Aufmerksamkeit zuteil werden. Mutige, avantgardistische Konzepte für das visuelle Erscheinungsbild müssen erarbeitet und zum Bestandteil der Bewerbung werden. Eine Kulturhauptstadt muss Projektionen in die Zukunft deutlich machen.
Wie soll der große Wurf erreicht werden?
Einerseits ist es der dominierende, gestalterische Akzent, der den Anspruch auf den Begriff Wahrzeichen erhebt. In Graz sind es zwei anläßlich der “Kulturhauptstadt" entstandene Elemente - der Schatten des Uhrturmes auf dem Schloßberg und die Insel in der Mur. Bei der Weltausstellung in Paris war es der Turm von
Jean Eiffel, der bis heute seine Symbol-Stellung nicht eingebüßt hat.
Manchmal werden prägnante Gebäude, die unabhängig von aktuellen Anlässen entstehen, zum Wahrzeichen einer Stadt. Beispiel - das Opernhaus in Sydney.
In der heutigen Zeit herrscht großer Pluralismus - das ist zu begrüßen. Es ist aber auch bemerkenswert, dass die heutige Zeit keine profunden architekturtheoretischen und architekturphilosophischen Reflexionen hervorgebracht hat. Vielleicht wird die jetzige Zeit der wirtschaftlichen Verlangsamung die kritische Auseinandersetzung fördern?
Was haben all diese Überlegungen mit dem Phänomen Kulturhauptstadt zu tun? Wenn wir schon der großen Rolle der Baukultur das Wort reden, sollten wir auch darauf einwirken, dass theoretische Grundlagen des Handelns entstehen.
Eine zweite Ebene, neben der des Wahrzeichens und der prominenten Bauten ist eine gestalterische Offensive, die den öffentlichen Raum der Stadt betrifft. Hier kann man viel erreichen mit der Aufwertung von alltäglichen, rein funktionalen Elementen wie Glascontainern, Müllsammelstellen, Unterführungen jeglicher Art. Auch die überall in der Stadt notwendigen Elektroschaltschränke können ihr rein funktionales Erscheinungsbild abstreifen und durch künstlerische Gestaltung zu einer bereichernden Ästhetik finden. Sydney hat das vorgemacht.
In Hannover hat man künstlerisch hervorragend gestaltete Haltestellen zustande gebracht. Es wurde ein großer Erfolg.
Sind diese Elemente zu banal? Zu marginal?
Stadtpsychologen wie Georg Sieber beweisen, dass sich der Mensch nur dann von seiner Stadt geliebt fühlt, wenn ihm im Stadtbild gestalterische Sorgfalt und Qualität begegnen. Das betrifft vor allem auch die Details.
Die Anstrengung für die “Kulturhauptstadt” soll einer Stadt dauerhafte Anerkennung als Kulturmetropole bringen und Veränderungen in Gang setzen.
Frankfurt am Main war lange einer der unschönsten Städte der Bundesrepublik. Bis die berühmte “Troika”: Wallmann, Hoffmann und Haverkampf eine Aufwertung der Stadt durch Architektur - Kunst - Kultur durchsetzte. Frankfurt wurde zu dieser Zeit neu erfunden. Die Stadt erhielt dadurch einen wirtschaftlichen Aufschwung und ist heute schön.
Was nutzen die besten theoretischen und praktischen Ideen, wenn wir in der Realität mit der Vormacht des Lobby-Wesens konfrontiert sind.
Wir müssen dafür kämpfen, dass die Bewerbung um die Kulturhauptstadt ein Wettbewerb der Ideen, der Qualitäten und nicht ein Wettbewerb der Lobbysten wird. Und dass die Entscheidungen von qualitätvollen Fachgremien getroffen werden und nicht das Ergebnis von politischen Interessen sind.
Kann man das erreichen?
Die Antwort muß lauten: ja, wenn der Druck der Fachwelt und der Öffentlichkeit genügend groß sein wird.
Zusammenfassend:
- Das soziokulturelle Phänomen “Kulturhanptstadt Europas” verlangt nach einer Neudefinition, die der jetzigen und bis zum Jahr 2010 prognostizierten Entwicklung der Gesellschaft Rechnung trägt.
- Als Basis dafür ist eine Einigung auf eine gesellschaftsphilosophisch aktuelle Definition Europas notwendig.
- Diese beiden Definitionen, ausgearbeitet von einem interdisziplinären und internationalen Gremium, sollen der europäischen Öffentlichkeit zur Diskussion vorgestellt werden.
- In diesem Zusammenhang soll der Problemkomplex aufgeworfen werden:
was hat eine deutsche Stadt der Kultur und Baukultur Europas unter den Bedingungen des Jahres 2010 zu bieten? Diese Frage stellt Karl Ganser.
- Das prägnanteste Gebiet der Wahrnehmung einer Stadt und der Identifikation mit ihr ist die visuelle Kultur, die Baukultur. Sie ist, wie auch das Beispiel Frankfurt am Main zeigt, eine Lokomotive der Entwicklung, des Fortschritts auch auf wirtschaftlichem Gebiet.
Eine Kulturhauptstadt soll, in erster Linie, Hauptstadt der Baukultur werden. Selbstverständlich sind viele Gestaltungen während des feierlichen Jahres von temporärer Natur. Jedoch soll eine Kulturhauptstadt auf dem Gebiet der visuellen Kultur, der Baukultur, bleibende neue Werte schaffen und nicht nur den historischen Bestand aufarbeiten.
- Zur Baukultur gehören ebenso wie prominente Prestigebauten und Kunstobjekte auch Profanbauten wie Parkhäuser, Tankstellen usw., darüber hinaus Funktionselemente der Stadt wie Unterführungen, Haltestellen, Müllsammelstellen, Elektroschaltschränke und andere Elemente und Anlagen, aus denen das Erscheinungsbild der Stadt auch besteht.
- In Anbetracht des breiten Pluralismus in der heutigen Architektur besteht ein zwingender Bedarf nach architekturtheoretischen und architekturphilosophischen Reflexionen. Das wird sich u.a. auf die baukulturelle Entwicklung von “Kulturhauptstädten Europas” auswirken.
- Die Öffentlichkeit soll dahingehend mobilisiert werden, dass bei der Wahl zur “Kulturhauptstadt” ein Wettbewerb der Ideen und Qualitäten, und nicht ein Wettbewerb der Lobbyisten und politischen Interessen ausschlaggebend ist.
Prof. Dr. Z. Peter PININSKI - Präsident









