Meeting in Frankfurt/Main



Wir veröffentlichen Kurzberichte über einige der Sitzungen der Akademie, die große Resonanz hervorgerufen haben. "Nachnutzung für Frankfurt" dem provokantem Thema war die Plenarsitzung der Akademie gewidmet, die am 10. März 2001 in Frankfurt/Main stattgefunden hat. Die Sitzung fand im Plenarsaal des Stadtparlamentes im historischen Rathaus Römer statt und der Empfang in dem Heiligtum der Stadt, dem Kaisersaal.



Während der Plenarsitzung referierte Prof. Dr. Arno Klotz, Direktor für Stadtplanung der Stadt Wien, über "Wiens Stadtentwicklung ab Mitte der 90 er Jahre und ein Ausblick"und konstruierte Vergleiche zur Stadt Frankfurt.

 




Eine interessante Neudefinition des Architektenberufes in Anbetracht der veränderten gesellschaftlichen Aufgaben formulierte im Plenum der architekturkritiker Dr. Dankwart Guratzsch,  " Die Welt"; hier im Gesprach im Foyer mit dem Präsidenten der Akademie Prof. Z.P. Pininski und Karl-Heinz Vesterling, Ehrenpräsidenten des DAI (Deutscher Architekten- und Ingenieurverband).

 



Während des Empfanges im Kaisersaal des Rathauses am Römerplatz. Von links: der Präsident der Akademie während seiner Ansprache, Planungsstadtrat Egon Schwarz; Vorstandsvorsitzender des Österreichischen Siedlungswerkes, Dr. Leo Rafelsberger, Wien

 


Prof. Dr. Kazuo Sasagawa aus Tokio trägt sein Referat vor.

 

Wir veröffentlichen Auszüge aus dem Grundsatzreferat des Präsidenten, der  die Einführung in die Thematik der Tagung bildete.


Frankfurt soll wirtschaftlich, urban, architektonisch, soziologisch eine Stadt sein, die man glücklich nennen kann. Eine Stadt in der man sich (meistens) geliebt fühlt. Stimmt das?

Andere (H.E. Haverkampf) definieren das gleiche etwas anders:
Frankfurt hat keine urbanen Probleme, es hat Luxusprobleme.

Bei dieser Stadt erscheint es besonders zwingend, rechtzeitig über Nachnutzung nachzudenken.


Sokrates fragte Protagoras, den Sophisten:

„ist die Wissenschaft für die Gesellschaft von großer Relevanz?“ Protagoras konnte nur mit einem deutlichen JA antworten. Die Sophisten waren doch die ersten, die den großen gesellschaftlichen Nutzen von Wissenschaft hervorhoben und instrumentalisierten.

Eine Stadt muß sich ständig neu erfinden um den Wettbewerb zu bestehen, um vorausschauend die sich ändernden Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen.

In der Neuerfindung stellen sich die Fragen:

Wie wird es mit unserer Stadt weitergehen im 21. Jahrhundert? Wird die Stadt, wie wir sie kennen und erfahren, angesichts eines alles erfassenden technisch- wirtschaftlichen Veränderungsprozesses globalen Ausmaßes überhaupt noch Bestand haben? Es geht ja nicht nur um die Schaffung eines ökologisch akzeptablen Rahmens für eine weltweit verflochtene Ökonomie, man wird auch nach den Folgen einer globalen Informationsvernetzung fragen müssen. Wie viele Funktionen und Dienstleistungen, für die bisher die Stadt Raum und Rahmen hergab, werden einmal in elektronische Netze übergehen? Vermutlich wird kaum eine städtische Funktion von der „digitalen Revolution“ unberührt bleiben.

Damit wird wahrscheinlich ein tiefgreifender Wandel der sozialen Verhältnisse und des Bewußtseins verbunden sein. Wird man denn die Stadt noch als geschichtlichen Ort und als bürgerschaftliche Selbstinszenierung und ihre Gestaltung noch als kulturelle Aufgabe von Rang ansehen oder wird man sie völlig den Marktkräften überlassen?

Was für Nachnutzung ergibt sich aus den hier aufgeworfenen Fragen?

Die emotionelle Wahrnehmung und Akzeptanz einer Stadt erfolgt hauptsächlich auf der visuellen, ästhetischen Basis.

Funktionelle Defizite werden als Irritationen empfunden, jedoch die ästhetische Akzeptanz erfolgt auf einer übergeordneten Ebene.

Was erwartet der Mensch vom Bild seiner Stadt?

Was braucht die Stadt von heute auf dem visuellen Gebiet? Entspricht die Stadt von heute den geistigen Bedürfnissen ihrer Einwohner? Was erwartet der Mensch vom öffentlichen Raum, von Straßen und Plätzen im Sinne seiner ästhetischen Befriedigung? Wann fühlt er sich von seiner Stadt geliebt? Woran liegt es, daß er sie schön findet und sogar stolz auf sie ist? Was bedeutet „Flair“ und was „Charme“ einer Stadt? Oder: „Diese Stadt ist nicht gerade schön, aber sie hat das gewisse Etwas.“

Diese Fragen müssen gestellt werden, wenn man sich zeitgemäß mit den gestalterischen Phänomänen einer Stadt auseinandersetzen will.

Kann das Stadtbild als Spiegel der Bürgerschaft und dementsprechend als Identifikationsobjekt verstanden werden: das Stadtbild als Spiegel von Wünschen, Sehnsüchten, Erwartungen der Bewohner, also als Projektion überlokaler, kultureller Strömungen?
 
In der letzten Zeit gewinnt der wahrnehmungstheoretische Aspekt, nämlich die Art und Weise, wie das Stadtbild empfunden und verarbeitet wird, zunehmend an Bedeutung. Dringend muß in der zeitgenössischen Stadtgestaltung - mehr als noch bisher - die ganze Bandbreite von Phänomenen berücksichtigt werden: Straßenbild als Impression oder sogar als Inszenierung, neue Definierung der Kunst im Straßenraum, die Rolle der Symbole und Zeichen in einer Stadt, Orientierbarkeit und die dafür benötigten Orientierungssysteme, Raumerlebnis, d.h. Erweiterung des Erlebnisbereiches Stadt durch Architektur und städtebaulicher Zusammenhänge, Licht und Rolle der künstlichen Beleuchtung, Horizontbegrenzung etc., etc.


Wie geht´s weiter mit Frankfurt?

Eines der wichtigsten Phänomäne ist die intensive Metropolisation, Bildung von Metropolien.

Der Begriff Metropole ist nicht als Hauptstadt verstanden sondern als städtisches Universum als Knoten im globalen Netz.

P. Soldatos in „Strategic cities alliance“ unterscheidet zwischen Stadt als ORT und Stadt als AKTEUR, als aktives Wesen. Die sich metropolisierenden Städte werden der aktiven Kategorie zugeordnet.

Simestoridis behauptet in „Construire la ville sur la ville“, dass das vereinigte Europa weniger als eine Vereinigung der Länder, mehr als eine Vereinigung der Städte und zwar dieser Knoten, die als Metropolen bezeichnet sind, fungieren wird.

Laut Prognosen werden diese Städte zunehmend unabhängig von nationalen Organismen sowie von benachbartem Umland.

Der Nachbar einer Metropole ist nicht die umliegende Region sondern die anderen Metropolen. Offenbach, Darmstadt können noch zur Metropole Frankfurt dazugehören, jedoch z.B. Kassel wird für Frankfurt weniger Nachbar als Paris oder London sein.

Die Bildung von Metropolen  wird eine Zunahme von Ungleichheit zwischen der Metropole selbst und dem übrigen Land bedeuten.

Anstatt der bisherigen Struktur von NEBENEINANDER - Deutschland neben Frankreich, neben Österreich usw., werden grenzübergreifende Strukturen entstehen: das Netz der Metropolen als eigenes verwebtes Gebilde, quasi als globaler Staat und der Rest.

Als gleich prägnant wie der Wettbewerb der wirtschaftlichen Organismen (Konzerne, Firmen, usw.) ist der Wettbewerb der Städte zu sehen.

E. Morin und S. Nair formulieren in „Une politique de civilisation“ 4 Faktoren, die den Prozess der Metropolisierung generieren:

- die vorhandene Umwelt
- der Stand oder die Dynamik der Entwicklung des Wissens und des technologischen Umsetzen des Wissens
- Wertsysteme und Kategorien der Kultur, Architektur inbegriffen
- sowie bewusst agierende Subjekte - dramatis personae