Architektur der Verständigung der Kulturen
Meeting in Berlin

Architektur und Städtebau nach dem 11. September 2001

Prof. Dr. Z. Peter Pininski, Präsident der Akademie, trägt sein Grundsatzreferat vor. Neben ihm Staatssektretär Dr. Hans Stimmann, Karl-Heinz Vesterling, Sabine Petersen.
Am 27. Juli 2002 fand im Anschluß an den Weltkongreß der Architekten (UIA) im Humboldt-Kabinett des Adlershof-Centers in Berlin die Sitzung der AKADEMIE statt.
Wir veröffentlichen Auszüge aus dem Grundsatzreferat von Prof. Dr. Z. Peter Pininski, Präsident der Akademie, sowie einige Fotos von der Sitzung.
Peter Sloterdijk schreibt im „Eurotaoismus“1: „Als Zeitdiagnostiker muß man heute mehr denn je mit dem Geständnis beginnen, daß wir nicht wissen, wie uns geschieht.“
Nach dem 11. September verkündeten alle, die sich öffentlich zu Wort meldeten, wie im Chor: „Die Welt wird nicht mehr so wie sie war.“
Als die Aufregung der Diskussionen der ersten Wochen verblaßte, stellte man fest, daß oberflächlich gesehen die Welt sich kaum verändert hat.
Des öfteren gab es in der jüngsten Geschichte Ereignisse verschiedener Art, die anfänglich keinen sichtbaren Einfluß nicht nur auf das Weltgeschehen, sondern auch auf die Meinungsbildung gehabt haben. Hier als Beispiel. Ich habe noch gut in Erinnerung wie U-Thant seinen Umwelt-Rapport der Weltöffentlichkeit vorstellte. Die Reaktionen der Medien reichten von Ablehnung bis zum milden Belächeln. Anfänglich. Es war jedoch ein intellektueller Schritt, der peu à peu in verschiedenen Teilen der Erde, in verschiedenen von einander unabhängigen Zirkeln ein Umdenken einleitete.
Man kann sagen, mit dem Rapport von U-Thant wurde der Umweltgedanke, gewiß nach längerer Inkubationszeit, endgültig geboren. Und er setzte viel, sehr viel in Bewegung.
Alles, was bis jetzt im Umweltbereich auf intellektueller und praktischer Ebene geschah, ist auf diesen Impuls zurückzuführen. Ich ziehe dieses Beispiel heran, weil ich glaube, daß ähnlich die Geschehnisse des 11. September in vielen Bereichen etwas ins Rollen gebracht haben. Und daß mit der Zeit diese Erkenntnis immer stärker wahrnehmbar und Konsequenzen haben wird.

Dr. Jügen Fissler in der Diskussion.
Welche Art von Konsequenzen sind zu erwarten? Es sind:
- menschlich - psychologische
- symbolische
- wirtschaftliche
- technische.
Konsequenzen, die in verschiedenen Ausprägungen auftreten werden.
Wir wollen natürlich von Bereichen sprechen von denen vermutet wird, daß sie einen gewissen Einfluß auf Architektur und Städtebau ausüben.
Über ein Jahr vor den Geschehnissen des 11. Septembers haben Prof. Schmidt-Thomson und ich an einer multireligiösen Einrichtung für Berlin - Adlershof gearbeitet. Entworfen wurde der Ort der Weltreligionen. Es war die Idee für die Ausübung der religiösen Handlungen verschiedener Weltreligionen nebeneinander an einem Ort:
eine Verführung zu Toleranz und gegenseitiger Achtung.
Jedoch erst nach dem 11. September erfuhr diese Idee eine breitere Zustimmung, obwohl auch noch jetzt der Weg zur Verwirklichung sehr weit ist.
Worauf ist die erhöhte Akzeptanz zurückzuführen?
Eines ist nach dem 11. September deutlich wahrnehmbar: ein sichtbares Interesse für andere Kulturen, für andere Religionen. Sachbücher über den Islam und über den Koran werden zu Bestsellern. Inwieweit das temporäre und oberflächliche Interesse tiefere Konsequenzen haben wird bleibt offen. Es handelt sich in diesem Bereich um menschlich - psychische und symbolische Konsequenzen.
Der von Huntington prophezeite „Clash of Civilisation“ könnte ausbleiben oder würde in deutlich abgemildeter Form sich manifestieren. Das ist eine der denkbaren Konsequenzen. Jedoch müßten noch große Anstrengungen in diesem Bereich unternommen werden.
Wird als Konsequenz der besagten Ereignisse eine Architektur der Angst entstehen? Definiert durch Festungsmentalität, Abschottung, Mauern, Stacheldraht und Kontrollmechanismen?
Die Architektur der Angst ist bereits vorhanden, und zwar in den Regionen der Erde, wo hohes Lebensstandartsgefälle und daraus resultierende hohe Kriminalität vorhanden sind. Ob sich das aus den Gründen „Nach dem 11. September“ allgemein verstärken wird, ist fraglich.
Ein stark verstärktes Sicherheitsdenken ist jedoch bei wichtigen öffentlichen Bauten sowie bei Risikobauten zu beobachten.
Erkennbar ist die Tendenz, die Sicherheitsabstände bei Botschaften und Regierungszentren zu erhöhen. Dr. Jürgen Fissler2 hat auf der Sitzung der Akademie zu diesem Thema die fatalen städtebaulichen Konsequenzen der erhöhten Sicherheitsabstände der künftigen Botschaft der USA in Berlin aufgezeigt.
Ein weiteres Beispiel: Der Sicherheitsstandard des Kanzleramts wurde nach den besagten Ereignissen mit erheblichen Mitteln aufgestockt - berichtet Dr. H.E. Haverkampf.
Bei Großlagern von explosiven oder auch nur stark brennbaren Stoffen wurde u.a. sogar über Auslagerung in weniger dicht bebaute Gegenden nachgedacht. Ist das der Ausweg?
Darüber berichtet Gerhard Joksch, Stadtbaurat von Münster/W.
Der Angriff auf die New Yorker Towers hat schon jetzt erhebliche finanzielle Konsequenzen auf der ganzen Welt nach sich gezogen.
Auch die Diskussion über den Ausstieg aus der Atomenergie könnte eine neue Dimension erhalten. Vielleicht.
Kurz ist jedoch das Gedächtnis einer Gesellschaft.
Ein Gebiet, auf dem eine Veränderung nach dem 11. Sept. zu erwarten wäre, ist die Problematik der Hochhäuser. Der Lack ist ab vom Hochhaus - Mythos - wenn nicht für einige Investoren, so doch für den allgemeinen Benutzer.
Viele Menschen fürchten sich davor, in Bürotürmen arbeiten zu müssen, die zu teuflischen Menschenfallen mit völlig überforderter Sicherheitstechnik werden können. Heute verbreiten Hochhäuser nicht nur den zweifelhaften Glanz der Dominanz, sie erinnern auch an qualvollen Massentod durch Feuer und Rauch, fliegende Bauteile, giftigen Staub, Einsturz, versperrte Fluchtwege, versagende Fahrstühle und Sprinkleranlagen.
Die Stimmung bekommen auch hohe Hotels zu spüren - die Buchungen in den letzten Etagen sind sehr zurückgegangen - und noch vor dem 11. September waren sie wegen des Panoramablicks sehr begehrt.
„Büro-Hochhäuser als Stein gewordene Allmachtphantasien, das kann nicht die Zukunft sein“, appellierte Frei Otto.
Und Rem Koolhas räumte ein: „Ob Hochhäuser nach dem New Yorker Zerstörungswerk noch als zeitgemäß gelten können, ist völlig unklar.“
Mythos - der alte Traum vom gebauten Himmelsturm, der das alltägliche Klein - Klein überragen und seinen Bauherren fast überirdisch erstrahlen lassen soll. Die Architekturgeschichte als Vanitas der Bauherren? In gewisser Hinsicht - ja. Das Bauen in der Geschichte kann als Manifestation von Herrschaftsansprüchen der Kirche und der Weltlichen Macht, vom Patrizier der Stadt bis zum Kaiser verstanden werden. Manche bezeichnen die triumphalen Hochhaus - Gesten als Megalomanie, andere als Überdehnung baulicher Erhabenheit.
Und die Wirtschaftlichkeit: der von Renzo Piano für London geplante Wolkenkratzer in Form einer hochgezogenen Pyramide soll eine Milliarde Euro kosten. Das soll man sich auf der Zunge zergehen lassen. Besonders wenn man bei sogenannten normalen Baugeschehen jeden Euro einzusparen versucht Ist das verantwortlich gegenüber der Gesellschaft?
Wenn man bei der Planung von Hochhäusern die Erkenntnisse, die man durch den 11. September gewonnen hat, in die Praxis umsetzen möchte, also Lastreserven jedes einzelnen Stockwerks, andere „Brandlast“, sichere Fluchtwege usw., würden die Hochhäuser erheblich teurer, zu teuer auch für die größte Eitelkeit. Der ökonomische Druck wird also den Verzicht auf deutlich höhere Sicherheitsstandarts wohl erzwingen. Aber offen zugeben wird das niemand - es würde dem Image schaden.
„Der Mensch braucht Symbole. Dazu gehören auch Bauwerke“ - jedoch muß sich ein prägnantes Symbol nicht durch Höhe auszeichnen.
Die Entwürfe, die einige „Stararchitekten“ für den Wiederaufbau in Zusammenhang mit dem „ground zero“ geliefert haben, zeigen einen Mangel an Reflexion. Außer einer obligatorischen pro forma Verneigung vor dem engsten Gebiet, wo die Twin Towers standen wird weiter gen Himmel gestürmt, und die Vanitas befriedigt. Daniel Liebeskind, Zaha Hadid, Richard Meier und andere wollen (fast) so bauen als ob nichts geschah. Und die Geschehnisse des 11. September werden nur etwas literarisiert. Und die steigende Unwirtschaftlichkeit der großen Hochhäuser wird an der irrationalen Haltung mancher auch nicht viel ändern.
Ein anderer Aspekt. „Ein Bruch mit der eurozentristischen Tradition ist dringend nötig“, so der Tenor in den südlichen Regionen der Erde3 - besonders nach dem 11. September.
Unsere Architektursprache ist die des weißen Mannes mit regionalen Gewürzen z.B. aus Japan und aus welchen Regionen noch? Die Auswahl ist begrenzt.
Wird es zum wirklichen Pluralismus der Kulturen in der Architektur kommen? Das wäre eine höchst positive Folge des 11. Septembers. Faszinierende Perspektiven: Eine Abkehr von der Uniformierung in der Zeit der Globalisierung.
Jedoch „Trotz der unbestreitbar eröffneten Weltsicht globaler Wahrnehmung, deren „Bild der Erde“ in aller Klarheit vor uns liegen könnte, schaffen wir es nicht die Augen aufzumachen“, schreibt Reinhard Wustlich in den Papers zum letzten UIA-Congress. Eurozentrismus äußert sich, so der Australier Mc Kenzie Wark, in NICHT VERSTEHEN WOLLEN. Und Klaus Töpfer „Die westliche Zivilisation erscheint zunehmend als „ökologische Aggression - und wird zunehmend auch so verstanden“4.

Prof. Dr. Loeschcke (Mitte) trägt sein Statement vor.
Versuchen wir uns eine Frage aus dem Bereich des geistigen Überbaus zu stellen.
Ist es möglich, daß ausgeprägte Meinungstrends, Weltanschauungen, philosophische Systeme Einfluß auf die Sprache der Architektur ausüben?
Ein Beispiel würde unter Umständen dafür sprechen: Die philosophischen Gedanken von Derrige, Delause und anderen, die den Dekonstruktivismus in der Philosophie prägten,
sind auf das Gebiet der Architektur übergesprungen und haben wesentlich zur Entstehung der dekonstruktivistischen Architektur beigetragen.
Wenn man die jüngste Architekturgeschichte unter diesem Aspekt analysiert, trifft man auf mehr oder weniger ausgeprägte Beeinflussungen und Rückkopplungen.
Es ist auch nicht verwunderlich, Architektur entsteht nicht im luftleerem Raum. Sie entspricht nicht nur dem Stand der wirtschaftlichen Entwicklung einer Gesellschaft, sie korrespondiert nicht nur mit dem jeweiligem Stand der Technik, sondern sie spiegelt auch die geistigen Strömungen einer Zeit wieder. Und in einem gewissen Grade sind auch Rückkopplungen denkbar. Sollte als Folge der Ereignisse des 11. September ein Umschwung im Denken in verschiedenen Bereichen zu verzeichnen sein - könnte das Folgen für die Architektur und den Städtebau haben?
Man sucht, man hofft auf positive Folgen im geistigen Bereich. Und das wäre? Eine Architektur nicht der Angst sondern der Verständigung zwischen den Kulturen. Wollen wir es hoffen ...
Quellen:
1. in Sloterdijk, Peter „Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik.“
2. Fissler, Jürgen - Stellungnahme auf der Sitzung der Akademie
3. in Wustlich, Reinhard „Sein. Oder nicht sein.“ Das Bauzentrum - Baukultur 6.2002
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4.ibidem
In Rahmen der Sitzung wurden interessante Referate zu den Teilaspekten der "Architektur und Städtebau nach dem 11. September 2001" von Staatssekretär und Senatsbaudirektor Dr. Hans Stimmann, Prof. Dr. Jürgen Fissler, Staatssekretär a.D. Jens Krause (alle Berlin),Prof. Dr. Gerhard Loeschcke (Karlsruhe) sowie Dr. Leo Raffelsberger (Wien) und Prof. Joao Santa-Rita (Lissabon) vorgetragen. Es folgte eine rege Diskussion der Akademiker und eingeladenen Gäste mit Formulierung von Schlußthesen, die in der Fachpresse veröffentlicht wurden.









